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Aus meiner Schatztruhe

Christine Knabe am 12.01.2012

Auf den heutigen Spätdienst freue ich mich ganz besonders.
Ich werde Kunden wiedersehen, bei denen ich für einige Monate nicht war.

Ich klingle bei Frau P. „Hallo, Frau P. da bin ich wieder!“ höre ich mich sagen. „Jesus! Sind Sie wieder da, so eine Freude!“ ruft Frau P. und umarmt mich und auch ich drücke sie ganz fest, bin echt gerührt und muss fast heulen. Die Kinder von Frau P. sind zu Besuch und Zeuge der herzlichen Begrüßung.

Frau P. ist 90 Jahre. Diese 90 Jahre waren sehr turbulent und wechselvoll. Sie hat mir viel davon erzählt. Die Heimat, in der sie aufwuchs, gehörte zeitweise zu Serbien, zeitweise zu Ungarn. Die strengen Eltern, besonders die Mutter, waren dagegen, dass sie sich selbst ihren Bräutigam aussuchte. Sie sollte einen reichen Bauern zum Manne nehmen. Die Liebe aber ging andere Wege. Während im Dorf alle katholisch waren, galt die Zuneigung der jungen Frau P. dem Sohn der Ziegeleibesitzer, die als einzige zur evangelischen Kirche gehörten. Das schaffte Spannungen und Probleme. Schließlich durfte Frau P. ihre Liebe heiraten.

Aber das Glück war nicht von langer Dauer. Der Krieg warf seine langen, elenden Schatten. Frau P. erzählte mir sehr oft die Begebenheit, als der Ehemann zum letzten Mal auf Fronturlaub zu Hause war. Zum Abschied wollte er nicht, dass sie ihn in die Stadt zum Bahnhof begleitete. Seinem Vater soll er anvertraut haben, dass er fürchtete, die Familie nicht mehr wiederzusehen. Er behielt Recht. Frau P. war zu dieser Zeit Anfang zwanzig und hatte 2 Töchter. Sie heiratete nie wieder.

Vor Kriegsende kam die Flucht. Unterwegs auf Leben und Tod. Die meisten Dinge, die das Leben bis dahin ausgemacht hatten, mussten zurückgelassen werden. Die Menschen gingen durch Hunger und Krankheiten. Auch Frau P. und eines ihrer Kinder erkrankten schwer an Typhus und waren von den anderen bereits aufgegeben. Sie erzählte mir, wie stark ihr in dieser Zeit der Glaube und das Gebet geholfen haben. Sie erholten sich beide.

Schließlich fand die Familie Quartier im Mecklenburgischen. Mit viel Fleiß begann Frau P. für die alte Mutter und die Kinder zu sorgen. Schließlich konnte sie mit Hilfe einiger Bauern ein kleines Häuschen kaufen, unterrichtete Musik und Handarbeiten in der Dorfschule.

Um das Darlehen der Bauern zurückzahlen zu können, erlernte sie das Imkern und verkaufte zusätzlich Honig. Den Kindern ließ sie an Bildung angedeihen, was nur ging, auch musische Bildung.

Den Garten um das Häuschen liebte sie sehr. Hier züchtete sie Rosen und war glücklich, wenn alle im Dorf über die Blütenpracht staunten.

Die Kinder haben inzwischen wieder Kinder und diese ebenfalls. Und wie unsere Zeit es so mit sich bringt, die Nachkommen bleiben selten im Dorf, sonder gehen in die Städte, dahin, wo das Leben pulsiert.

So wurde es allmählich schwer für Frau P. Haus und Garten zu bewirtschaften. Eine Entscheidung stand an. Frau P. verkaufte ihr Anwesen und zog in die Nähe ihrer Kinder. Sie bewohnt jetzt eine schmucke altersgerechte 2-Zimmerwohnung.
Foto-Collagen und kunstvolle Lochstickereien auf Tischen und Regalen erzählen aus der Vergangenheit. Im Sommer gärtnert Frau P. auf dem Balkon. Sie freut sich über jeden Senker, der Wurzeln bildet, auch wenn hin und wieder ein wenig Schwermut herüberschwappt, ob des verkauften Grundstückes.

„Aber ach, ich habe es ja nicht mehr schaffen können, den Garten und das Haus…“, lenkt sie dann ein und fragt mich, wie oft ich noch zu ihr kommen werde.

Frau P. hat mich in vielen Monaten, in denen ich sie besuchte, immer wieder Anteil nehmen lassen an einem gelebten Stück Geschichte, nicht aus Büchern oder aus dem Fernsehen habe ich etwas erfahren, sondern durch einen Zeitzeugen. Mich beeindruckt, welche Lasten den Menschen und besonders den Frauen durch die Schrecken des Krieges aufgezwungen wurden und wie viele von ihnen weit über ihre Grenzen hinauswuchsen, um Kinder und Familie am Leben zu erhalten. Frau P. ist eine solche starke Frau mit starken Prinzipien und festem Glauben.

Ich wünsche mir noch viele Kunden, die so von ihrer Vergangenheit erzählen können, wie Frau P. Wir sehen unsere Kunden im Hier und Jetzt. Und doch tragen sie alle ihr Gepäck an Erlebnissen, Ereignissen, an eigener Geschichte mit sich. Manch einer trägt daran schwer und will lieber alles verbergen. Ein anderer, wie Frau P, lässt uns teilhaben und gibt uns so wichtige Aussagen um unsere Pflegearbeit noch professioneller und individueller gestalten zu können. Das Bild des zu Pflegenden erhält so ganz individuelle Konturen. Es entsteht eine konstruktive Arbeitsbeziehung und auch wir Zuhörenden wachsen und reifen an den Geschichten der Erzähler.

Ein Blick auf meine Uhr verrät mir, dass ich weiter muss. Ich komme ja nur für eine Injektion. Aber ich nehme einen kleinen Schatz mit.
Tags: Christine Knabe selbständige Krankenschwester Patientenbesuch persönliche Lebensgeschichte

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